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Agrosprit ist nicht essbar

Trotz fehlender Ernährungssicherheit für die Bevölkerung, will die deutsche Acazis AG in Äthiopien Energiepflanzen anbauen 

In Äthiopien sind seit Jahrzehnten Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Für Mitte 2010 ging die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) von bis zu 6,5 Millionen Menschen aus1. Selbst in vergleichsweise guten Erntejahren kann die Ernährungssicherheit der knapp 90 Millionen EinwohnerInnen nicht sichergestellt werden, obwohl das Land über fruchtbare Böden verfügt. Die Ökonomie basiert weitgehend auf Landwirtschaft, deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt fast 50 Prozent beträgt. Sämtliches Land in Äthiopien befindet sich in Staatsbesitz. Bauern erhalten Nutzungsrechte, sofern sie auf dem Land leben. Dieser Umstand bietet der Regierung viele Möglichkeiten, die landwirtschaftliche Produktion zu gestalten. Doch nutzt sie diese derzeit zur großflächigen Verpachtung fruchtbaren Landes.

Geschenke für Investoren

Ausländischen Investoren bietet die Regierung Rahmenbedingungen, die kaum günstiger sein könnten. Pro Hektar müssen nur wenige US-Dollar pro Jahr bezahlt werden, womit die Pacht zu den billigsten weltweit zählt. Die Laufzeit der Pachtverträge liegt bei bis zu 100 Jahren2. Zudem fallen für Investoren im Agrarbereich kaum Steuern oder Zölle an.

Seit 2007 wurden insgesamt mehr als 800 Verträge über die Verpachtung von Land geschlossen. Die Verhandlungen sind in der Regel völlig intransparent, offizielle Informationen über den Inhalt der Vereinbarungen sind kaum verfügbar. Unmittelbares Ziel der Regierung ist die Verpachtung von drei Millionen Hektar (in etwa die Größe Nordrhein Westfalens) wobei der Fokus auf den Regionen Gambela und Oromia liegt. Etwa eine Million Hektar sind bereits verpachtet, der Großteil davon an Investoren aus Indien und Saudi Arabien. So hat der größte Schnittrosenproduzent der Welt, Karuturi Global Limited aus Indien, nach eigenen Angaben bereits mehr als 300.000 Hektar in Äthiopien gepachtet. Der Konzern ist in der Produktion von Blumen bereits seit 2004 in Äthiopien aktiv und baut mittlerweile auch Agrargüter zur Herstellung von Lebensmitteln an. Karuturi preist Äthiopien als „Land der Möglichkeiten“ und nennt als Vorteile unter anderem die investorenfreundliche Regierungspolitik, niedrige Arbeitskosten, kaum bestehende Steuern sowie die Nähe zu Märkten in Europa und dem Nahen/Mittleren Osten3. Zahlreiche weitere indische Firmen haben Land in Äthiopien gepachtet, um Tee und andere Lebensmittel für den indischen Markt anzubauen.

Auch privat-staatliche Investoren aus Saudi Arabien sind in Äthiopien aktiv, um dem Königreich am Golf Ernährungssicherheit zu gewährleisten. So möchte das Unternehmen Saudi Star Agricultural Development zum Beispiel auf bis zu 500.0000 Hektar unter anderem Reis, Mais und Ölsaaten für den Export anbauen4. In geringerem Maße pachten auch Firmen aus China, Südkorea, Ägypten oder Dschibuti Land in Äthiopien.

Fragwürdige Argumentation

Die Regierung von Premierminister Menes Zenawi argumentiert, Äthiopien verfüge über reichlich ungenutztes Land und Arbeitskraft, habe aber weder ausreichend Kapital noch die passende Technologie für notwendige Investitionen. Die Einführung neuer Technologien werde zu einer steigenden Agrarproduktion führen, ausländische Unternehmen zehntausende Arbeitsplätze schaffen und durch die Einnahmen von Devisen profitiere die gesamte Wirtschaft. Das verpachtete Land liege zudem ohnehin brach und die geplanten Verträge beträfen nur drei Millionen von insgesamt 74 Millionen Hektar landwirtschaftlich nutzbarer Flächen in Äthiopien.

Wenngleich kaum jemand anzweifelt, dass Investitionen in Landwirtschaft prinzipiell notwendig sind, ist die Kritik an der Landpolitik der äthiopischen Regierung vielfältig. Zunächst ist umstritten, wie viel ungenutztes Land es tatsächlich gibt. Traditionelle Nutzungsformen wie Wanderfeldbau haben eine nicht permanente Bestellung von Land zur Folge. Da die meisten angebauten Agrargüter exportiert werden, profitiert die lokale Bevölkerung kaum von der Verpachtung des Landes. Die Plantagen haben in der Regel einen hohen Wasserverbrauch, während das Wasser im Land vielerorts knapp ist. Vor allem in der Region Gambela, wo sich ein Großteil des bereits verpachteten Landes befindet, führt die neue Landnahme (Land Grabbing) zu Konflikten mit lokalen Bevölkerungsgruppen. Die indigenen Gruppe der Anuak, die von Landwirtschaft, Fischerei, Jagd und Viehhaltung leben, erheben den Vorwurf, bei Landgeschäften nicht konsultiert zu werden. Auch von gezielten Vertreibungen wird berichtet. Ähnliche Vorfälle hat es früher auch schon gegeben, sie finden nun aber unter dem Deckmantel der Interessen ausländischer Investoren statt.5 Neben dem Anbau von Lebensmitteln oder Blumen für den Export, verfolgen zahlreiche Unternehmen Pläne, in Äthiopien Energiepflanzen zur Herstellung von Agrartreibstoff anzubauen.

Wachsender Markt für Agrosprit

Die Verheißung auf Geschäfte mit Agrosprit gibt dem Land Grabbing enormen Auftrieb. Durch Zielvorgaben in vielen Ländern entstehen sichere Absatzmärkte. Die Europäische Union etwa hat Ende 2008 im Rahmen der „Erneuerbare-Energien-Richtlinie6“ festgelegt, dass bei den fossilen Kraftstoffen bis zum Jahr 2020 eine Beimischungsquote von zehn Prozent verpflichtend ist. Würde die EU diese Quote durch Eigenproduktion erreichen wollen, müsste sie etwa 70 Prozent ihres gesamten Ackerlandes für den Anbau von Energiepflanzen nutzen.

Die äthiopische Regierung setzt verstärkt auf die Wachstumsbranche Agrosprit. In ihrer „Biofuels development and Utilization Strategy“ vom August 2007 spricht sie sich zwar für einen „nachhaltigen“ Anbau von Energiepflanzen aus. Entsprechende Studien oder ein Monitoring sind jedoch nicht vorhanden.7 Das Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung geht laut Presseberichten davon aus, bis zu 23 Millionen Hektar für den Anbau von Energiepflanzen verpachten zu können8. Dies entspräche knapp einem Drittel der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche des Landes.

Deutsche Investoren spielen mit

Am Anbau von Energiepflanzen und dem damit verbundenen Land Grabbing in Äthiopien beteiligen sich auch deutsche Firmen. Die in Gelching bei München ansässige Acazis AG, ehemals Flora Ecopower, will von den günstigen Pachtbedingungen in Äthiopien profitieren und dort Jatropha- und Castorpalmen zur Produktion von „Non Food-Öl“anbauen. Das im Jahr 2006 gegründete Unternehmen gibt sich dabei große Mühe, als sozialer und verantwortungsvoller Akteur wahrgenommen zu werden. Nach eigenen Angaben hat die Acazis AG „im ersten Schritt“ 56.000 Hektar für eine Laufzeit von 50 Jahren gepachtet und besitzt Konzessionen für weitere 200.000 Hektar. Auch verfügt sie über eine eigene Ölmühle in Äthiopien.

Das aus den Energiepflanzen gewonnen Öl könne in der Kosmetik- und Pharmaindustrie sowie als Agrartreibstoff Biodiesel eingesetzt werden. Als Kuppelprodukte entstünden zudem biologischer Dünger und Biomasse.9 Die Produktion des Öls, sei „eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Alternative“ und der Anbau der Pflanzen erfolge „im Einklang mit der heimischen Natur Afrikas“. Weder würde Wasser verschwendet noch in Monokultur angebaut. Auch begegne das Unternehmen „mit der arbeitsintensiven Agrararbeit und dem Gewinnen von biologischem Öl der Armut der heimischen Bevölkerung“. Der „Ernährungssicherheit in den Entwicklungsgebieten werde somit „ein Fundament“ gegeben, durch „die durchgängigen 'Non-Food'-Eigenschaften“ blieben „die Marktmechanismen im Nahrungsmittelbereich unberührt“. Letztlich stehe „der Mensch im Mittelpunkt“. Da die Castorpflanze auch auf kargen Böden wachse, kollidiere der Anbau „nicht mit den Interessen von Pflanzungen im Nahrungsmittelbereich“. Gleichzeitig gibt das Unternehmen jedoch an, der Agrarboden sei nach einem vierjährigen Anbau von Castorpflanzen „direkt mit allen anderen Gewächsen bepflanzbar“, demnach also auch für den Anbau von Nahrungsmitteln brauchbar10.

Dies ist nicht der einzige Widerspruch. Die Umsetzung seiner altruistischen Formulierungen blieb das Unternehmen bis heute schuldig. Im Jahr 2008 stand die Flora Ecopower wegen umweltschädlichen Verhaltens in der Kritik. So hatte das Unternehmen damit begonnen, Plantagen in dem Elefantenschutzgebiet Babile anzulegen. Es wurde nicht nur gezielt Waldgebiet vernichtet, sondern auch der Lebensraum von Elefanten und anderer Lebewesen bedroht, die in Äthiopien teilweise vom Aussterben bedroht sind11. Die äthiopische Regierung unterstützte das Unternehmen dennoch weiter. Erst nach Protesten von Naturschutz- und Nichtregierungsorganisationen ließ Flora Ecopower von dem Plan ab, in dem Gebiet Energiepflanzen anzubauen12.

Auch die Behauptung, dass die lokale Bevölkerung durch den Anbau von Energiepflanzen profitieren würde, scheint nach den ersten Erfahrungen blanker Hohn zu sein. Letztlich gelang es dem Unternehmen bisher nicht einmal annähernd seine Ziele zu erreichen oder Versprechen gegenüber lokalen Bäuerinnen und Bauern einzuhalten. Im Jahr 2009 wurde fast nichts produziert, obwohl das Unternehmen mit 11.000 Tonnen Öl rechnete. Die Aktie fiel im Jahresverlauf von 18,40 Euro auf einen Euro13. Angestellte wurden nicht bezahlt und eigneten sich laut Berichten selbst Besitztümer des Unternehmens an14.

Dieses Jahr hat das Unternehmen als Acazis AG einen Neustart gewagt. Die Aktien wurden im Verhältnis 20 zu 1 zusammengelegt und eine Kapitalerhöhung im Verhältnis 1 zu 7 beschlossen15 . Auf der Internetseite der äthiopischen Zweigstelle kündigte die Firma derweil an, zwischen Oktober und November 2010 auf 10.000 Hektar mit der Aussaat zu beginnen. Der Preis der Castorbohnen sei in der Zwischenzeit aufgrund der hohen Nachfrage aus China und Indien deutlich gestiegen, weswegen das Agrokraftstoff-Geschäft „eine der besten Möglichkeiten in Äthiopien und anderen Ländern der Welt“ biete16.

Nahrung ist wichtiger als Energie

Aufgrund der bekannten Informationen über das bisherige Vorgehen der Acazis AG in Äthiopien sind begründete Zweifel angebracht, ob das Unternehmen seinen selbst formulierten sozialen und ökologischen Ansprüchen auch nur annähernd nachkommt. In einem Land, dessen Bevölkerung strukturell unter Hunger leidet, sollte der eigenen Nahrungsmittelproduktion absoluter Vorrang gegenüber dem Anbau von Energiepflanzen sowie Exporten jeglicher Art eingeräumt werden. Die ökonomischen, ökologischen, kulturellen und sozialen Folgen eines großflächigen Anbaus von Energiepflanzen in Äthiopien werden von der Regierung bisher nicht ernsthaft untersucht. Daher sind in dem Land derzeit keine Bedingungen für einen sozial und ökologisch nachhaltigen Anbau von Energiepflanzen gegeben. Dies zeigt sich auch im Falle von Flora Ecopower/Acazis AG. Das deutsche Unternehmen schädigte durch die Abholzung von Waldflächen die Umwelt und prellte die lokalen Bäuerinnen und Bauern sowie Angestellten.

Autor: Tobias Lambert

 

 

Quellen:

1 FAO/WFP Crop and Food Security Assessment Mission to Ethiopia, S. 31 f., unter: http://www.fao.org/docrep/012/ak346e/ak346e00.pdf, aufgerufen am 20.August 2010.

2 Vgl.: Ethiopia offers an acre for $1 on 100-years-lease, The Hindu Business Line, 25.06.2010, unter: http://www.thehindubusinessline.com/2010/06/26/stories/2010062653370100.htm, aufgerufen am 20.August 2010.

4 Vgl.: Saudi Star to swallow 100.000 sqm of Bishoftu Land, unter addisfortune.com/Saudi%20Star%20to%20Swallow%20100,000sqm%20of%20Bishoftu%20Land.htm und http://farmlandgrab.org/11308, aufgerufen am 20.August 2010.

5 Vgl.: Interview mit Nyikaw Ochalla von ASO, GRAIN 2010, unter: http://www.grain.org/seedling/?id=680, aufgerufen am 20.August 2010.

7 Vgl.: MELCA Mahiber: Rapid Assessment of Biofuels Development Status in Ethiopia And Proceedings of the National Workshop on Environmental Impact Assessment and Biofuels, S. 7 ff.), unter: http://www.melca-ethiopia.org/Biofuel%20Dev%27t.html.pdf, aufgerufen am 20.August 2010.

8 Bio-diesel Supply Giants Come to an Understanding, unter: http://www.addisfortune.com/Bio-diesel%20Supply%20Giants%20Come%20to%20an%20Understanding.htm, aufgerufen am 20.August 2010.

11 Vgl.: MELCA Mahiber, S. 20.

12 Pack den Elefanten in den Tank, unter: http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/natur/aethiopien-pack-den-elefanten-in-den-tank_aid_305251.html, aufgerufen am 20. August 2010.

13 http://www.faz.net/s/RubF3F7C1F630AE4F8D8326AC2A80BDBBDE/Doc~E01FF9C3B1E6244E4B6EE24A7CF0DE214~ATpl~Ecommon~Scontent.html

14 German biofuel company fails as employees abscond with assets, unter: http://www.afrik-news.com/article17480.html, aufgerufen am 20.August.