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Landnahme vor der eigenen Haustür

Auch in Osteuropa boomt das Geschäft mit Ackerland

Nicht nur in Afrika, Asien und Lateinamerika findet der Aufkauf von Ackerland statt. Auch in Mittel- und Osteuropa ist Land Grabbing ein einträgliches Geschäft. Im Gegensatz zu Westeuropa mit seiner nach dem Krieg durch Subventionen entwickelten Landwirtschaft, werden in Mittel- und Osteuropa viele landwirtschaftliche Flächen heute nicht genutzt. Die Bodenpreise sind im Vergleich sehr niedrig. InvestorInnen werden zudem mit überdurchschnittlicher Rechtssicherheit gelockt, da einige der Länder bereits zur Europäischen Union (EU) gehören und andere sich eine Mitgliedschaft zum Ziel gesetzt haben. Viele spekulieren darauf, dass sich die Bodenpreise innerhalb der EU in Zukunft angleichen werden. Tatsächlich sind die Preise für Land in den letzten Jahren stark gestiegen, doch sind sie immer noch um ein vielfaches günstiger als in Westeuropa. Selbst innerhalb Deutschlands unterscheiden sich die Preise stark. Während in Westeuropa durchschnittlich zwischen 20.000 und 25.000 Euro pro Hektar Land gezahlt werden, sind es in Ostdeutschland etwa 8.000 Euro. In Rumänien müssen hingegen nur 2.000 bis 3.000 Euro für einen Hektar aufgebracht werden[1].

Im Zuge der derzeitigen Jagd nach Ackerland zieht Osteuropa massiv InvestorInnen an. Das am stärksten betroffene Land ist die Ukraine, aber auch in Rumänien, Litauen, Bulgarien oder Ostdeutschland findet Land Grabbing statt. Zu den InvestorInnen zählen vor allem Fonds und Agrarfirmen aus Westeuropa und Golfstaaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar oder Kuwait[2].

Dabei dürfen Ausländer bisher nicht überall unbeschränkt Land kaufen. Auch Länder, die bereits zur EU gehören, weisen teilweise Restriktionen auf. So kann etwa Land in Bulgarien bisher nicht individuell, sondern nur über eine GmbH erworben werden. In Ungarn ist AusländerInnen der Kauf von Land bis mindestens 2011und in der Ukraine bis mindestens 2012 untersagt. In beiden Ländern laufen derzeit noch Moratorien. Diese Beschränkungen gelten allerdings nicht in erster Linie, um die kleinbäuerliche Landwirtschaft vor der Agrarindustrie zu schützen und tragen auch nicht automatisch etwas zur Stärkung des kleinbäuerlichen Sektors bei. Vielmehr liegen sie auch im Interesse der jeweiligen nationalen Oligarchien, die somit den Kuchen unter sich aufteilen können, ohne direkt mit der Konkurrenz aus dem Westen zu tun zu haben. Nicht zuletzt haben derartige Beschränkungen zudem häufig eine nationalistische Komponente, wie zum Beispiel in Ungarn zu sehen ist, wo sich die rechte Regierungspartei Fidesz und die rechtsextreme Jobbik für eine Verlängerung des Moratoriums einsetzen[3]. In anderen Ländern wie Rumänien oder Litauen ist der Kauf von Land durch ausländische Firmen mittlerweile möglich. Wenngleich die Agrarindustrie Beschränkungen im Landverkauf für einen zentralen Hemmschuh für Investitionen in die Landwirtschaft ansehen[4], zeigt das Beispiel Ukraine, dass dort Land Grabbing trotz eines Moratoriums auf dem Vormarsch ist.

Ukrainisches Land trotz Verkaufsverbots begehrt

Die Ukraine verfügt mit 32 Millionen Hektar über doppelt so viel landwirtschaftlich nutzbare Fläche wie Deutschland. Aufgrund beträchtlicher Schwarzerdevorkommen sind die Böden sehr fruchtbar. Da in der ehemaligen „Kornkammer Europas“ zahlreiche zuvor von Staatsbetrieben genutzte Flächen brach liegen, sehen InvestorInnen enormes Potential im Ausbau des landwirtschaftlichen Sektors. Agrarfonds, Unternehmen, Staaten und auch einzelne Bauern und Bäuerinnen aus Westeuropa investieren in der Ukraine in den Getreideanbau. Bis mindestens 2012 gilt ein Moratorium auf den Verkauf ukrainischen Landes. Daher werden kleine Flächen, oft von lokalen Bauern, für Zeiträume von fünf bis 50 Jahren gepachtet. Die Nachfrage ist groß und Pächter haben gute Chancen, die Flächen zu kaufen, sobald das Moratorium aufgehoben werden sollte. Mit circa 17 Millionen Hektar wird bereits etwa die Hälfte des ukrainischen Agrarlandes von ukrainischen und ausländischen Agrarholdings kontrolliert. Die Verpächter sind oft Kleinbesitzer, die aufgrund der noch niedrigen Preise nur geringe Einkommen haben[5].

Deutsche Firmen auf Einkaufstour

Am Land Grabbing in Osteuropa sind auch zahlreiche deutsche Unternehmen beteiligt, die vom Landkauf über die Verwaltung bis hin zu Bewirtschaftung komplette Dienstleistungspakete anbieten. So können InvestorInnen über die Verwendung von Ackerland entscheiden, ohne dieses auch nur gesehen zu haben oder über eigenes Fachwissen verfügen zu müssen.

Die im Jahr 2007 gegründete Agrarius AG  mit Sitz in Bad Homburg hat sich zum Ziel gesetzt, „die Investition in Ackerland neben anderen konservativen Geldanlagen wie Anleihen oder Immobilien als sichere und gleichermaßen gewinnbringende Anlageform zu etablieren“[6]. Seit Ende 2008 ist der Konzern an der Börse notiert. Vermögenden Interessenten stellt die Firma in Aussicht „fruchtbare, preisgünstige Ackerflächen mit westlichem Know-How unter Einsatz modernster Gerätschaften und besseren Betriebsmitteln zu bewirtschaften“[7]. Die Firma bietet alle denkbaren Dienstleistungen rund um den Landkauf an. Dazu zählen die Bewertung des Ackerlandes, die Kaufabwicklung, Verpachtung, Verwaltung, mögliche Bewirtschaftung und Inanspruchnahme der EU-Fördermittel[8].

„Butterberge“ der Vergangenheit werden zu Profit der Zukunft

 Bisher hat die Agrarius AG nach eigenen Angaben Ackerland in Rumänien erworben und verwaltet, sie will das Geschäft aber auf weitere Länder „unter dem sicheren Dach der Europäischen Union“ ausweiten. In Mittel- und Osteuropa sieht Agrarius aufgrund der „ noch günstigen Preise für Ackerland sowie bewirtschaftungsbedingt noch niedrigen Erträgen“ ein „ erhebliches Wertsteigerungspotential“. In einer Werbebroschüre heißt es: „Die Tatsache, dass beispielsweise in einigen Teilen Rumäniens eher Pferdefuhrwerke an Stelle von modernen Landmaschinen das ländliche Bild prägen, zeigt nicht nur den enormen Entwicklungsbedarf, sondern auch die Entwicklungschancen dieses Landes auf“.[9]

Wegen der bei rückgängigen Anbauflächen wachsenden Weltbevölkerung, dem steigenden Futtermittelverbrauch aufgrund höherem Fleischkonsums vor allem in Asien und dem vermehrten Anbau nachwachsender Rohstoffe zur Produktion von „Bio-Kraftstoff“ ergäben sich „globale Wachstumsperspektiven“. Daraus resultiert laut der Agrarius AG, dass „Butterberge und Überflussproduktion billiger Nahrungsmittel“ als „ Rausch einer vergangenen Epoche“ angesehen werden können und die „langfristigen Megatrends“ in dem Produktionsfaktor Boden kumulieren[10].

Wer über die Firma Land kaufe, könne „ über die betriebliche Nutzung entscheiden, zum Beispiel nachwachsende Rohstoffe anbauen und über entsprechende Fördermittel erneuerbare Energien erzeugen, die Flächen an einen Landwirt verpachten oder diese selbst bewirtschaften“. Da sich Agrarius um alles kümmere, sei es möglich Ackerlandbesitzer zu sein, „ohne praktischer Landwirt sein zu müssen“[11].

Auch die Germanagrar aus Hamburg lockt InvestorInnen mit „Dienstleitungen rund um die Landwirtschaft“ nach Osteuropa. In der Vergangenheit seien „vielfach Renditen von mehr
als 100% jährlich erzielt“ worden. Die Region stelle aufgrund des niedriges Lohnniveaus, noch niedriger Kauf- und Pachtpreise, weniger Auflagen, exzellenter Ackerbaustandorte und einer ausgeprägten wirtschaftlichen Infrastruktur eine „einmalige Chance“ dar und sei der „interessanteste Agrarmarkt der Welt“. Germanagrar vermittelt Ackerflächen, organisiert „den Ankauf kompletter Ackerbau- oder Viehbetriebe“ und übernimmt bei Bedarf „die komplette Betriebsführung“. Nach eigenen Angaben betreibt das Unternehmen „ Lohnunternehmen im Baltikum, in der Ukraine und in Rumänien“ und bietet „ nahezu alle Feldarbeiten an, die mit modernster Technik und großem Know-how im praktischen Einsatz ausgeführt werden[12]“.

Die ebenfalls in Hamburg ansässige KTG Agrar AG wurde bereits im Jahr 2000 gegründet und zählt sich mit einer Anbaufläche von über 12.000  zu den führenden landwirtschaftlichen Betrieben im konventionellen Marktfruchtanbau in Europa[13]. Im Bereich des ökologischen Anbaus von Getreiden wie Weizen, Roggen, Körnermais und Dinkel sieht sich die KTG Agrar mit rund 15.000 Hektar als„europaweit der führender Produzent von ökologischen Marktfrüchten“.[14] Da die Gewinnspanne bei Bioprodukten höher liegt als in der konventionellen Landwirtschaft, ist das Unternehmen in diesem Bereich tätig. [15] Bereits 1994 wurde ein Vorläufer der KTG Agrar in Ostdeutschland aktiv und seit 2005 auch in Litauen. Heute werden nach eigenen Angaben gut 23.000 Hektar in den ostdeutschen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie mehr als 5.000 Hektar in Litauen bewirtschaftet[16]. Zusätzlich verwaltet das Unternehmen Landflächen deutscher InvestorInnen in Rumänien[17].

Die Flächen sind teilweise gepachtet und teilweise im Besitz des Unternehmens. KritikerInnen werfen der KTG vor, nur durch EU-Subventionen bestehen zu können. Aufgrund der nach oben hin unbegrenzten Direktzahlungen für Flächenbesitz, die in Deutschland pro Jahr durchschnittlich gut 300 Euro pro Hektar betragen, speise sich der komplette Gewinn der KTG Agrar aus Subventionen[18].

Boom zementiert kapitalistisch-industrielle Landwirtschaft

 Ein Ende der jüngsten Agrartrends in Mittel- und Osteuropas ist nicht abzusehen. Das Ackerland  wird derzeit billig an kapitalkräftige Akteure verschachert. Durch die massive Verschiebung der Besitzverhältnisse sind weitreichende Änderungen für die lokale Landwirtschaft zu erwarten. Potentiell positiven Entwicklungen wie der Einführung neuer Technologien steht die Profiterwartung der neuen Landbesitzer gegenüber. Diese müssen nicht einmal vor Ort sein, da zahlreiche Firmen Komplettpakete zur Abwicklung des Landkaufs bis zur Bewirtschaftung der Flächen anbieten. Wer derartige Angebote in Anspruch nimmt, ist alleine auf Gewinn aus und wird sich nicht weiter dafür interessieren, was auf „seinem“ Land geschieht. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft wird von dem Boom kaum profitieren.

Autor: Tobias Lambert

Quellen:

1 Vgl.: Deutsche Welle: Osteuropa: Ackerland wird zum Renditeobjekt, unter: www.dw-world.de/dw/article/0,,4563267,00.html

2 Vgl.: Standard News, 23. Juli 2010: UAE company to invest in Bulgarian agriculture, unter: farmlandgrab.org/14470

3 Vgl.: Dpa, 4.Februar 2010: Hungarian candidate backs ban on foreign ownership of farmland, unter: http://farmlandgrab.org/10895

4 Vgl.: Kyiv Post, 10.Juni 2010: Experts say moratorium on land sales stifles production, unter: farmlandgrab.org/13655

5 Vgl.: Christina Plank: Claims abstecken in Europas Kornkammer, in: Inkota Brief 152, Juni 2010, S. 24-25.

6 Vgl.: agrarius.de/4-0-Unternehmen.html

7 Vgl.: agrarius.de/5-0-Ackerland.html

8 Agrarius AG: Wachstum soweit das Auge reicht, S.3, unter: www.agrarius.de/files/agrarius_infobroschuere_de_2010-01.pdf

9 Ebd.: S. 6.

10 Agrarius AG: Auf rotem Teppich zum goldenen Boden Ackerland-Investoren der Agrarius AG, S.7, unter: www.agrarius.de/files/agrarius_imagefolder_img2009-01-de.pdf

11 Ebd.: S. 8.

12 Vgl.: www.germanagrar.de

13 Vgl.: www.ktg-agrar.de/de/ueber-uns/geschaeftsfelder/konventioneller-marktfruchtanbau/

14 Vgl: www.ktg-agrar.de/de/ueber-uns/geschaeftsfelder/oekologischer-marktfruchtanbau/

15 Vgl.: Bloomberg, 29. Juli 2009: KTG Agrar to increase farmland 20-25% in year, CFO Blaesi says, unter: http://farmlandgrab.org/6567

16 Vgl.: www.ktg-agrar.de/de/ueber-uns/standorte/

17 Vgl.. proplanta: KTG Agrar managt zukünftig auch 7.000 Hektar Ackerland in Rumänien, unter:  www.proplanta.de/Agrar-Nachrichten/Unternehmen/KTG-Agrar-managt-kuenftig-auch-7-000-Hektar-Ackerland-in-Rumaenien_article1256902828.html

18 Vgl.: Ulrich Jasper: Unglaubliches auch bei uns, in: Inkota Brief 152, Juni 2010, S.26-27.

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