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Hunger als „Megatrend“

DWS und Allianz beteiligen sich mit Agrarfonds am Land Grabbing

Die Rechnung ist simpel. Aufgrund des stetig steigenden Bedarfs an Lebensmitteln und der Begrenztheit landwirtschaftlicher Anbauflächen verheißt der Agrarsektor auf lange Sicht gute Geschäfte. Daher mischen neben Staaten und Unternehmen auch Investmentfonds kräftig bei der neuen Landnahme (Land Grabbing) mit. Die globale Finanzkrise hat die Suche nach langfristig aussichtsreichen Kapitalanlagen befördert und lässt Agrarinvestitionen plötzlich als zukunftsträchtig erscheinen.

Meist handelt es sich um aktienbasierte Fonds, die in eine breite Palette von Unternehmen mit Bezug zum Agrobusiness investieren. Zu den Anbietern, die auch KleinanlegerInnen die Möglichkeit geben, am Land Grabbing mit zu verdienen, zählen die zur Deutschen Bank-Gruppe gehörende DWS Investments GMBH sowie die Allianz Global Investors. Folgt man der Argumentation, mit der die beiden Gesellschaften um potentielle AnlegerInnen buhlen, wird schnell klar, dass die Fonds gute Geschäfte mit dem globalen Hunger verheißen. Ein Blick in die jeweiligen Portfolios offenbart, dass dabei auch in Firmen investiert wird, die direkt mit Land Grabbing zu tun haben.

DWS sieht im Agrobusiness „enormes Potenzial“

DWS ist die größte Fondsgesellschaft Deutschlands und rangiert weltweit unter den Top Ten. Die im September und November 2006 in Luxemburg aufgelegten Aktienfonds DWS Global Agribusines Fund und DWS Invest Global Agribusiness Fund kaufen Aktien börsennotierter Agrarkonzerne und investieren dabei entlang der gesamten Lebensmittelwertschöpfungskette. Darunter befinden sich Firmen, die sich direkt am Land Grabbing beteiligen.

In seinen Werbebroschüren bewirbt DWS sein Produkt mit eindeutigen Argumenten. Die Kernaussage lautet, dass „Bevölkerungswachstum, steigende Einkommen und begrenzte Ressourcen“ zum „enormen Potenzial“ des globalen Agrobusiness beitragen und dieses zu einem „globalen Megatrend“ machen.1 Wegen des weltweiten Bevölkerungswachstums seien jedes Jahr „80 Millionen neue Münder“ zu füttern2. Die Nachfrage nach Agrarprodukten werde laut Zahlen der Organisation der Vereinten Nationen im Jahr 2030 etwa 60 Prozent höher sein als heute, während im Vergleich zu 1970 nur noch die Hälfte des Ackerlandes zur Verfügung stehe. Vor allem durch den „Bevölkerungsboom“ in Ländern mit „aufstrebenden Märkten“ in Asien, Afrika und Lateinamerika steige die Bevölkerungszahl der Erde bis 2050 auf 9,5 Mrd. Menschen an. Um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können, werde ein „enormer Druck auf wertvolle Ressourcen wie Ackerland, Wasser, Energie und biologische Vermögenswerte“ ausgeübt. Zudem stellten die durch die globale Erwärmung verursachten „extremen Temperaturen und widrigen Wetterbedingungen“ eine weitere Belastung für das Lebensmittelangebot dar3.

Durch Wirtschaftswachstum, etwa in China und Indien, steigen die Einkommen, was letztlich zu einem höherem Proteinkonsum führen werde, der sich unter anderem in einem wachsenden Fleischkonsum wider spiegele. Insbesondere die Herstellung von Rindfleisch sei die „am meisten Ressourcen verbrauchende Art“, Essen zu produzieren und verspreche daher gute Geschäfte. Gemessen am Proteinertrag, könnten von einem Hektar Land sieben Mal mehr Menschen durch Weizen als durch Fleisch ernährt werden. Die Herstellung von einem Pfund Fleisch benötige zudem hundert Mal mehr Wasser als ein Pfund Weizen4.

Aufgrund der insgesamt sinkenden Fläche von Ackerland, die der wachsenden Bevölkerung gegenüberstehe, sei eine Erhöhung der Effizienz der Lebensmittelproduktion „zwingend erforderlich“. Dazu gehörten unter anderem verbesserte Anbaumethoden, Biotechnologie und Agrochemie.5

Der Fonds investiere somit in das „grundlegendste menschliche Bedürfnis: Essen“. Die Idee sei zwar nicht neu, das Vorhaben, in die gesamte Wertschöpfungskette, von Landbesitzern, über den Anbau bis zu Verarbeitung und Verkauf zu investieren, hingegen „einzigartig“.6

Ähnliche Argumentation bei der Allianz

Auch Allianz Global Investors bietet mit ihrem im April 2008 aufgelegten Fonds RCM Global Agricultural Trends die Möglichkeit, vom Land Grabbing zu profitieren und einen „langfristigen Kapitalzuwachs“ zu erzielen. Die Finanzdienstleistungssparte von Allianz SE lockt AnlegerInnen ebenfalls damit, dass Bevölkerungswachstum, Klimawandel und veränderte Verbraucherbedürfnisse „globale Entwicklungen mit weitreichenden Auswirkungen auf unsere Ressourcen“ seien.

Unter anderem aufgrund des geänderten Konsumverhaltens der in Asien heranwachsenden Mittelschicht steige „der Bedarf an Energie und hochwertigen Konsumgütern wie Milch, Fleisch, Kleidung und Möbeln“ rapide an7. RCM Global Agricultural Trends investiere daher „in Unternehmen, die auf die effiziente Produktion von Energie und nachwachsenden Rohstoffen sowie auf die Verarbeitung von agrarwirtschaftlichen Erzeugnissen zu Lebensmitteln setzen8“, heißt es in der Selbstdarstellung des Fonds. AnlegerInnen profitierten von „langfristigen Trends“, durch „branchenübergreifende Investitionen in unterschiedliche Bereiche des landwirtschaftlichen Produktionsprozesses“. Da in circa 30 bis 80 zukunftsweisende Unternehmen investiert werde, seien die Renditeaussichten gut und das Risiko zudem gestreut.

Im Fondsportrait nennt die Allianz „Bereitstellung landwirtschaftlicher Produktionsressourcen wie Land und Wasser; Produktion, Lagerung und Transport von Agrarrohstoffen; Verarbeitung, Transport und Vertrieb von Nahrungsmitteln und Getränken sowie Non-Food-Erzeugnissen (u.a. Holz- und Papierprodukte)“ als Bereiche, in denen der Fonds Aktien erwirbt.

Fonds investieren in Land Grabbing

Ein Blick in die Portfolios der Fonds offenbart, das hier unter anderem mit Land Grabbing Geld verdient wird. Sowohl DWS als auch Allianz investieren in zahlreiche Agrarkonzerne, die zu den ProtagonistInnen und ProfiteurInnen der neuen Landnahme zählen. Im Portfolio des DWS Global Agribusines Fund sowie des DWS Invest Global Agribusines Fund befinden sich etwa Aktien des brasilianischen Agrarunterkonzerns SLC Agrícola und des argentinischen Unternehmen Cresud9. SLC Agricola baut nach eigenen Angaben bereits auf über 223.000 Hektar Soja, Baumwolle und Mais an10 und gehört zu den Agrarkonzernen Brasiliens, die gezielt Ländereien kaufen. Auch die argentinische Cresud befindet sich derzeit auf Einkaufstour. Zusätzlich zu den 484.000 Hektar, die das Unternehmen in Argentinien, Brasilien, Paraguay und Bolivien bereits besitzt und den über 90.000 in der Region gepachteten Hektar, möchte Cresud weitere Ländereien erwerben.11

RCM Global Agricultural Trends, der Fonds der Allianz investiert unter anderen in den weltgrößten Palmöl- und Agrospritproduzenten Wilmar International aus Singapur sowie den führenden brasilianischen Zucker- und Ethanolproduzenten Cosan.12

Wilmar International besitzt Palmölplantagen in Indonesien und Malaysia.13 Dem Unternehmen wird vorgeworfen, in Indonesien illegale Brandrodungen durchzuführen und traditionelle Landrechte zu verletzten. Der Palmölanbau insgesamt ist zudem verantwortlich für die massive Abholzung von Wäldern. Dadurch sind in Indonesien 100 der 216 Millionen EinwohnerInnen, die überwiegend von der Nutzung des Waldes leben, in ihren Existenzmöglichkeiten bedroht14

Cosan baut in Brasilien auf 600.000 Hektar Zuckerrohr an und ist somit führend auf dem Markt für Zuckerrohr und Ethanol. Über seine Tochterfirma Radar Propiedades Agrícola kauft das Unternehmen Land „mit hohem Aufwertungspotenzial zur späteren Verpachtung oder zum Weiterverkauf“.15 Das Geld dafür kommt größtenteils von privaten Investoren, zum Beispiel von US-amerikanischen Versicherungs- und Rentenfonds16. Auch DWS hatte bis 2009 Anteile von Wilmar und Cosan in seinen Agrarfonds. Dass die Anteile verkauft wurden, dürfte allein geschäftlichen Gründen geschuldet sein, da die Unternehmen in anderen DWS-Fonds nach wie vor vertreten sind. Darüber hinaus beinhalten die Portfolios von DWS und Allianz Anteile an den Saatgut- und Biotech-Konzernen Monsanto (USA) und Syngenta (Schweiz), die maßgeblich für die Durchsetzung eines kapitalintensiven, auf genveränderten Mechanismen basierenden Agrarmodells stehen. Dieses Agrarmodell verdrängt die kleinbäuerliche Landwirtschaft und bietet eine der Grundlagen für die Rentabilität des Land Grabbing.

Profite mit Hunger

Letztlich machen sowohl DWS als auch Allianz unverblümt Geschäfte mit dem Hunger. Laut der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen gibt es etwa eine Milliarde hungernde Menschen weltweit. Durch die Aktivitäten der Fonds wird keineswegs deren Ernährungssituation verbessert. Von steigenden Kursen profitieren allein die Fondsanbieter und AnlegerInnen. Zudem wird ein Agrarmodell unterstützt, das Kleinbäuerinnen und -bauern massiv schadet. Durch Investitionen in Firmen des Agrobusiness', die in ihren Herkunftsländern und darüber hinaus massiv Landflächen aufkaufen oder pachten, sind DWS und Allianz mitverantwortlich für das Land Grabbing. Beide Investmentgesellschaften verfügen weder über den Anspruch noch Richtlinien, um Land Grabbing und die Verletzung von Menschenrechten aus ihren Fonds heraus zu halten. Die mit der neuen Landnahme häufig verbundenen Folgen wie Vertreibungen, Umweltschädigungen und Nachteile für die lokale Bevölkerung nehmen AnlegerInnen in Kauf, wenn sie ihr Geld in einen der Agrarfonds investieren.

Autor: Tobias Lambert

Quellen:

1 Siehe: „Investing in a global Megatrend: The business of feeding the World“, S.7, unter: http://www.dollardex.com/sg/investUT/pfiles/DWS%20Global%20Agribusiness_Brochure.pdf, aufgerufen am 10.August 2010

2 Ebd., S.3.

3 Ebd., S.4

4 Ebd., S.5

5 Ebd., S.6

6 Ebd., S.9

8 Ebd.

9 Portfolios, Stand 31.12.2009, unter:http://www.dws.de/MediaLibrary/Document/DWSLux_JB0912DEDWSGlobal_7.pdf, S.12-16 und

www.dws.de/MediaLibrary/Document/DWSLux_JB0912DEDWSInvest_9_SICAV.pdf , S.263-267, aufgerufen am 10. August 2010.

11 Vgl.: Argentina rains to boost Cresud, soybean harvest, unter: http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=newsarchive&sid=ajNdNZFEnkkI, aufgerufen am 10. August 2010

14 Vgl.: Thomas Fritz: Peak Soil. Die globale Jagd nach Land, Berlin 2010, S. 58.

16 Vgl.: Grain: Land Grabbing in Latin America, unter: http://www.cosan.com.br/cosan2009/index_pti.html, aufgerufen am 10.August 2010